Wo ist Gontschar?

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DIESER BEITRAG WIRD ANLÄSSLICH SERGEJ HONCHARS ETAPPENSIEG AN DER TOUR DE FRANCE AUF DEN BLOG GEWORFEN.

Das Thermometer zeigt pfingstfreudige 22 Grad. Ein langes Wochenende steht bevor, ganz Bern tummelt sich in der Grünzone, nur Elsa nicht. Elsa hat sich zähnefletschend hinter verschlossenen Rollläden vor dem Kasten verschanzt. Die Grünzone kann sie mal! Elsa sagt sich, dass dieser Egotrip geil ist. Und Elsa weiss, dass sie nicht die Einzige ist, die den Telly anschaltet, um sich den 87. Giro d’Italia reinzuziehen.

Das hab ich nun davon, dass ich an der Redaktionssitzung nicht auf’s Maul sass, sondern grossschnäuzig erklärte, nichts sei langweiliger als Radsport am Fernsehen. Ausser vielleicht Synchronschwimmen. Und Golf. Und Voltigieren. Was ich nicht wusste: In der anwesenden Megafon-Journaille sind zwei Velokuriere vertreten, die mir sofort aufs vehementeste widersprechen. Die Folge einer solchen Unüberlegtheit war absehbar: „Elsa schreibt einen Contra-Artikel zu Velorennen am Schirm.“
Absehbar war auch eine aufwendige Recherche, denn mit radikalen Statements lässt sich noch lange kein Artikel schreiben. So befragte ich in einem ersten Schritt den männlichen Freundeskreis zum Radsport, und der verfiel in Schwärmerei. Dem Thema näherte ich mich auch praktisch: Ich benutzte selbst bei sintflutartiger Witterung den Drahtesel, ich nahm es mit sämtlichen Steigungen der Bundesstadt auf. Ich wühlte mich durch Archive und tauchte ein in die Tiefgründe der Sportliteratur. Nach wochenlanger Studie galt es, in das mir sonst vertraute Feld, vor die Television, zu rücken. Was Radrennturniere am Fernsehen betrifft, ist mein Erfahrungsschatz gering, um nicht zu sagen mickrig. Als Grossväterchen noch lebte, und das unter demselben Dach, liessen die Moderatorenstimmen sämtlicher medialen Sportshows das Haus erzittern, Grossväterchens Gehör war nicht mehr das beste. So laberten die Sportkommentatoren, die Turnheers, Russis, Hüppis, lautstark und ohne saisonale Pause; ich war von Kitzbühl bis Wimbledon überall dabei. Es muss gesagt sein, dass mir die Tour de France lieber war als Silverstone. Letzteres bedeutet nur Krach. Die Tour hingegen ist eine Geduldprobe, sie bedingt zeittotschlagendes Gerede. Kein Wunder, wenn man sich vom belgischen Lüttich durch die Bretagne über die Pyrenäen Richtung Alpen, hinauf ins mythische L’Alpe d’Huez, bis nach Paris durchquatschen muss.
Der Giro ist gemächlicher als die Tour, für eine Anfängerin leichter zu verdauen. Eine 3428km lange Strecke, 20 Etappen erwarten mich und das Mannsvolk auf Alurössern. Nach dem Prolog in der Altstadt von Genua und einem Abstecher nach Slowenien und Kroatien zieht sich die Route quer durch den Stiefel bis in den tiefen Süden der Halbinsel. In der Schlusswoche führt die Strecke schliesslich von Ost nach West durch den Norden Italiens.
Beim Giro, das weiss ich jetzt, da heisst es „klettern“: Drei Bergankünfte und vier weitere Bergetappen sorgen dafür, dass der Sieger höhentauglich sein muss. Auf der 19. Etappe bezwingen die Fahrer den Mortirolo, oder auch nicht, einen der schwersten Pässe im Radsport. Lance Armstrong, der fünffache Tour-de-France-Sieger, sagt das, und wenn Armstrong das sagt, stimmt es auch, denn Lance ist ein Gott, der Gott aller Radler. Das wird ohrenfällig, spätestens als Eurosport-Moderator Ulli Jansch in bedingungslose Verehrung entflammt, denn Lance Armstrong, der am Giro nicht antritt, hat den Mortirolo am Vortag der 19. Etappe zu Übungszwecken kurz mal bezwungen. Im Spiegel (Nr.43 /2003) lese ich, dass der Texaner manche Nacht im Höhenzelt schläft, um den Effekt der Bergluft zu simulieren, wenn er ausnahmsweise einmal nicht in Europas Gebirgen trainiert. Auch setze er sich Winters im Windkanal in den Sattel, um die optimale Sitzposition zu finden, und um sie im Rennen auch lange genug halten zu können, kräftigt er Hüft- und Rückenmuskeln. „Du musst willens sein, auszusehen wie ein Vampir“, schreibt der Kapitän des US-Postal Teams in seiner zweiten Autobiographie „Every Second Counts“ (erschienen 2003. Seine ersten Memoiren trugen den Titel: „It’s Not About The Bike“, 2000). L. hat mal gesagt, der altmoderne Spiegel schreibe deshalb süffisant, weil Durchschnitts-SchreiberInnen keine anderen Stilmittel haben, Wirkung (genauer: Effekt) zu erzeugen. L. muss es wissen, denn L. ist vom Fach. Doch auch wenn Spiegel-Zitate und -Recherchen mit Vorsicht zu geniessen sind, erfahre ich doch viel über die fragwürdige Obsession des Champions. Ferner, dass er sich nach seinem historischen fünften Tour-Sieg beim Bankett in einem Pariser Hotel in der Rede an die Teamkollegen „geisselte“, auf einigen Etappen „geschwächelt“ zu haben: „Ich habe uns alle erschreckt, und ich verspreche, dass es nie mehr vorkommen wird.“
Die Debütantin des televisionären Radrennsports fragt naiv: Ist solche Besessenheit gesund? Handelt es sich um einen Kollektivsport oder geht es um die Performance weniger Matadore? Wer fährt in wessen Windschatten? Wie um alles in der Welt ist es möglich, den Überblick zu behalten bei der symbolträchtigen Pedaltret-Modenschau? (Der Führende der Gesamtwertung trägt das maglia rosa, das rosa Trikot. Der Sieger des Intergiro-Zwischensprints trägt ein blaues Leibchen. Der Tagesieger in der Punktewertung trägt das Cyclamino-Trikot und der beste Bergfahrer ein grünes Oberteil. Nicht zu vergessen die Trikots der 19 Teams.) Ich steh aber nicht allein auf verlorenem Posten. Auch Moderator Jansch findet sich im beradelten Schwarm behelmter Riesenameisen nicht zurecht. So sucht er zwischen Bormio und Presolana immer wieder mal den „Laubfrosch“. Laubfrosch? Wo soll’s denn hier so was geben? Kurz vor Presolana entschlüssle ich den Fachjargon: Jansch hält Ausschau nach dem Fahrer im grünen Trikot. Ich fühle mich extrem ausgeschlossen.
Nicht nur der Laubfrosch geht auf dieser Etappe verloren, sondern auch der Ukrainer Sergej Gontschar, der für das Team De Nardi fährt. De Nardi ist ein Unternehmen und bezeichnet sich als „Leader“ in der Fabrikation von Stahl-, Holz- und PVC-Garagentüren. Der Dilettantin wird bewusst, dass nicht für die Nation, sondern für den Sponsor geschwitzt wird. Unentschlossen suche ich mir ein neutrales Team, das man bedenkenlos anfeuern kann. Ob das belgische Unternehmen „Chocolade Jacques-Wincor Nixdorf“ ihre Schokolade anständig produziert? Oder doch lieber die Schweizer Hörgeräte „Phonak“ unterstützen? Neutral ist vielleicht eher das deutsche Mineralwasser „Gerolsteiner“.
Ich entschliesse mich für „Formaggi Pinzolo Fiave“ und ziehe damit die Loser-Karte. Das Käseteam gehört zu den grossen Verlierer des Giro und wird kaum erwähnt.
„He Leute, hab ich was verpasst, wo bitte schön ist Gontschar?“, kommentiert Jansch den zähen Aufstieg. “Die Jungs haben 100km in den Beinen.“ Verlegene Pause. „Aber wo ist Gontschar? Hm, ho, hm.” Irgendwann fällt einer vom Esel, landet im Graben, „fährt die Botanik.“ Jansch scheint unschlüssig; es gibt nichts zu sagen. So erzählt er mir, dass die Radprofis neuerdings „Baobab“ essen, die Frucht des südafrikanischen Affenbrotbaumes. „Baobab“ schlemmen, das die Radler den Skilangläufern abgekuckt haben, dient der Erholung von Körper und Geist. Ich muss erfahren, dass „Baobab“ auch der Name einer Reisegesellschaft, eines guineischen Zirkus, eines Catering-Services und einer Trommler-Band sei. Erfolgreich gegoogelt, Herr Jansch.
Die Fahrer winden sich in den Passstrassen. Manchmal hält eine Helikopter-, manchmal eine Begleitfahrzeugkamera den Wettkampf fest. Mir ist schwindelig. Die Kameraführung erinnert an einen Dogma-Film. „Machen wir ein bisschen Urlaub mit den Augen,“ schlägt Jansch vor. Die Strampel-Route erreicht die Baumgrenze. Der Sportmoderator enthüllt poetische Qualitäten: „Die Niederschläge der letzten Tage widerspiegeln sich in diesen Wasserfällen, die sonst nur Rinnsale oder Bäche sind. Pause. Ich seh wieder Schatten. Gutes Zeichen, das Wetter hält. Pause. Die Sonne kommt.“
Ich zwinge mich dranzubleiben, obwohl auf Kabel ein Celentano läuft. Indes quälen sich die Fahrer solid durch die Berglandschaft. Mir wird spätestens bei dieser Etappe klar, was klar ist: Profi-Radsport bedeutet Leiden. Und wenn der Kolumnist Max Küng sagt, der Weg nach Alpe d’Huez sei ein Sauhund, so gilt das gleichermassen für den Mortirolo. Dass Leiden beim Spitzensport in Lust umgewandelt wird, ist ein alter Hut. Schon Adorno hat klug bemerkt, dass zuerst leiden muss, wer seinen Körper tendenziell der Maschine annähert, um schliesslich den disziplinierenden Strukturen der Technik gute Gefühle abzugewinnen. Dieser technokratische Vorgang wird beim Profi-Radsport augenfällig. Seine Akteure sind Helden, sie nehmen es mit der Natur auf, mit Feld und Wald, mit dem Wind, dem Wetter, dem Berg, der Schöpfung. Eposgleich werden im Radkampf gleiche Kräfte einander gegenübergestellt, wobei der Mensch naturalisiert, die Natur humanisiert wird, wie der Philosoph Roland Barthes in „Mythen des Alltags“ schreibt: „Die Hügel sind bösartig, auf nur störrische oder tödliche „Steigungen“ reduziert […]. Die Etappe ist struppig, klebrig, entzündet, stachelig usw., alles Adjektive, die einer existenziellen Ordnung der Bewertung angehören und die anzeigen sollen, dass der Fahrer im Kampf nicht mit dieser oder jener natürlichen Schwierigkeit, sondern mit einem echten Existenz-Problem, mit einem substantiellen Problem begriffen ist, auf das er mit seiner Wahrnehmung und seinem Urteil zugleich eingeht.“
Dieser Kampf ist zugleich eine Versöhnung mit der Natur, denn er erfordert den Verzicht auf alles Irdische: Als Profi, so Armstrong, müsse er alle störenden Gedanken wie Familie, Geld, Stress verdrängen. An dieser Besessenheit zerbricht seine Ehe, schreibt der Spiegel, und die Leserin ist soweit, das zu glauben. Und mir wird klar, dass der Held, in Pulk seiner „Wasserträger“, einsam ist in diesem Kampf. Ulli Jansch bestätigt diese Einsicht mit einer Weisheit, die ebenso aus The Godfather stammen könnte:
„Wenn man an die Spitze will, hat man selten Partner.“ Ein unermessliches Ausmass an Tragik entfalten die Duelle zwischen den Champions: Jan Ullrich, der ewige Zweite, kann davon ein Liedchen summen. Armer Kerl. „Und wir wissen immer noch nicht, wo Gontschar ist“, sagt ein ermatteter Jansch. Vielleicht hatte der einfach genug von der Rackerei und ist zurück nach Kroatien gefahren. Da soll’s ja schön sein. Oder direkt nach Hause in die Ukraine. 8 Minuten vor Presolana jauchzt Jansch erlöst auf: “Da ist er! Da ist Sergej Gontschar!“ Der Eurosportler ist wieder putzmunter, quasselt von der morgigen letzten Etappe und von der kommenden Tour de France. Und ich bin ein bisschen müde jetzt. Den Kasten schalt ich aus und weiss eines sicher: Ich geh nur mit KRAFTWERK an die Tour de France.

Geschrumme & Gemurre