Witschi & Paschenko. Eine Geschichte aus dem Emmental

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„Sprufki doh craszko?“ „He, sprufki doh craszko?“ fragt die schöne Frau mit dem Schnurrbart, was so viel heisst wie: „Was ist das für ein Gestank?“ Sie steht im Türrahmen von Witschis Stall und hält eine Bulldogge an der Leine. Witschi schaut zur Tür. Er hat den Melkstuhl umgebunden und ist dabei, an Blüemlis Euter zu zupfen. Blüemli gibt kaum noch Milch. Sie ist manisch depressiv. Dazu kommen Panikattacken. Schon zwei mal hat die Kuh versucht, sich das Leben zu nehmen. Wenn die Sonne hinter den Hügeln des Emmentals verschwindet, melkt Witschi seine Kühe. In regelmässigen Abständen geisselt die überreizte Kuh den Bauer mit ihrem Schwanz. Dann brummt Witschi: „Hör uf, Blüemli, du dummi Chue.“ Witschi hat von Cowboys gehört, die in einem texanischen Kuhstall 12 000 Tieren die Schwänze abgehackt haben. Die schöne Frau mit dem Schnurrbart und der Bulldogge heisst Julia Pashenko und kommt aus Moldawien. Pashenko will Witschis Frau werden. Witschi hat vor einigen Monaten auf dem Internetportal www.landflirt.ch folgendes Inserat aufgegeben: „Bodenständiger Bauer sucht liebe Frau, wo auch zupacken kann.“ Pashenko hat sich auf die Anzeige gemeldet, denn sie braucht einen Schweizer Pass. Zuvor hatte sie als Prostituierte in einem Zürcher Bordell gearbeitet. Sie konnte kaum Deutsch aber auf ihren Körper war Verlass. Der Bordellbesitzer gab ihr fast kein Geld und als sie einmal protestierte meinte er bloss: „Pashenko, du bist das schlechteste Pferd im Stall, noch dazu mit Schnauzer. Mit deinen Schweinsborsten im Gesicht ziehst du höchstens ein paar Sodomisten an. Und die Sodomisten, die Sodomisten zahlen schlecht!“ Als eines Tages ihr Analkanal riss, nachdem ein Kunde ihr eine Flasche Dom Perignon in den Hintern gesteckt und dazu „We are the world“ gesungen hatte, beschloss Pashenko, aus dem Schatten des Rotlichts zu treten und aufs Land zu ziehen. Die moldawische Bulldogge heisst Radoslaw und fletscht die Zähne. Wie es sich für einen Kampfhund aus dem Ostblock gehört, besitzt Radoslaw nur noch drei Beine. Das vierte hatte er in jungen Jahren im Kampf mit einem russischen Pitbull verloren. Radoslaw hat einen abgeschnittenen Schwanz, ein drahtiges Fell und einen merklich fliehenden Unterkiefer. Er ist treulos und neigt zu unprovozierten Anfällen von Aggressivität. Seine zusammengekniffenen Augen fixieren Blüemlis Euter. Bevor die Dogge sich in der Kuh verbeisst, zieht Pashenko den Hund an den gestutzten Ohren und sagt entschuldigend: „Radoslaw will nur spielen.“ Witschi nickt. Er bittet Pashenko in die Stube und setzt eine Kanne Kaffee auf. Radoslaw legt sich unter den Tisch und versucht, seine Genitalien zu lecken, was genetisch bedingt, nicht gelingt und ihn frustriert. Auch findet er seinen Namen zu harmlos. Radoslaw möchte lieber Mr. Pink heissen. Oder Vincent Vega. Oder Scarface. Oder Putin. Paschenko erzählt Witschi von ihrer Heimatstadt, wo der Tourismus ins Rollen kommt: „Weißt du, attraktiv, weil Radioaktivität fast schon unter festgelegten Grenzwert von Weltgesundheitsorganisation gesunken.“ Witschi erzählt von seiner traurigen Kindheit als Verdingbub. LIED. „Ich hab halt die Mueter nicht gekannt.“ Nach seinen Ausführungen hat Paschenko Tränen in den Augen und sagt: „Wakuz dro brugka spazibo, Witschi“, was „viel Glück, Witschi“ bedeutet und wörtlich übersetzt heisst: „Gott schicke dir einen kräftigen Esel, Witschi.“ Dann füllen sie die amtlichen Formulare aus. Unterdessen hat sich Radoslaw in den Stall geschlichen. Er hat es auf die Kuh abgesehen, denn er weiss: Fleisch ist nahrhaft und geduldig. Blüemli, unter Schlaflosigkeit leidend, ist von grosser Schwermut und akuter Suizidalität erfasst. Sie erblickt Radoslaw und erhofft sich finale Erlösung durch seinen Nackenbiss. Radoslaw schaut seinem Opfer in die Augen, und da passiert, was keinem Killer passieren darf, eine Art Umkehrung des Stockholm Syndroms: Radoslaw verliebt sich in die unendlichen Traurigkeit dieser Kuhaugen. Die Immunität gegen den Zauber der Nacht ist aufgehoben. Und weil nur die Liebe uns Leben lässt, leckt er Blüemlis Euter und denkt dabei an Mama. Die Nacht hat zwölf Stunden dann kommt schon der Tag. Als Witschi am nächsten morgen in den Stall stolpert, kommt ihm seine Kuh irgendwie verändert, ja fast fröhlich vor. Neben der Kuh liegt der dämlich grinsende Hund. Diese Geschichte endet versöhnlicher als das Leben: Blüemli geht es von Tag zu Tag besser. Sie gibt wieder Milch, seit Radoslaw ihr jeden Abend das Euter leckt, Paschenko sie melkt und ihr Johanniskraut füttert. Witschi kocht jeden Sonntag zpiitka, gebranntes Schwein mit einem Apfel im Maul und Radoslaw hat die Füchse im Emmental ausgerottet.

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